Die Fluorid-Bedrohung

Die mit Abstand größte Verbreitung erreichte NTA mit einem Beitrag zur systematischen Vergiftung der Weltbevölkerung durch die Fluoridierung von Zahnpasta. Der Artikel wurde tausendfach auf Facebook verteilt und ohne diesen Mechanismus wäre mir der Blog von Ken Davis wohl noch lange Zeit vorenthalten geblieben.

Da ich eine recht rigorose Angewohnheit habe, die Aktivitäten der Wahllos-Teiler und Viel-Kommentier in meinem „Freundeskreis“ auszublenden, entgehen mir die meisten viralen Phänomene. In diesem Fall kam der Hinweis allerdings glücklicher Weise über einen Bekannten, den ich auch in der realen Welt als meinen Freund bezeichne und dessen Facebook-Aktivität mir verfolgenswert erscheint. In jedem anderen Fall hätte ich vermutlich schon beim Anblick des Layouts und der Formulierung der ersten Sätze des Blog-Eintrags kopfschüttelnd das virtuelle Weite gesucht. Doch mein Bekannter erwähnte beim Verweis auf die Seite, dass der Inhalt trotz des verschwörungstheoretischen Wirrwarrs inhaltlich interessant sei und so arbeitete ich mich durch das wortreiche Pamphlet auf der Suche nach dem informativen Kern.

Der Bekannte zog kurze Zeit später sein Statement zurück und entschuldigte sich dafür, dass er dem Beitrag Beachtung geschenkt hatte, aber da war der Schaden schon entstanden. Ich hatte nicht nur den Zahnpasta-Eintrag gelesen, sondern mich durch etliche andere Seiten des Blogs hindurch gegruselt.

Verwirrung um Fluor oder Fluorid

Es ist nicht eindeutig zu klären, ob Ken Davis absichtlich oder in ehrlicher Unwissenheit die Existenz von elementarem Fluor in der Zahnpasta suggeriert. Wie er ganz richtig schreibt, ist Fluor äußerst giftig. Stark ätzend ist allerdings nicht das Halogen selbst, sondern die Flusssäure, die wässrige Lösung von Fluorwasserstoff, die beim Kontakt des Gases mit Wasser bei Zimmertemperatur sofort entsteht. Da Wasser als Lösungsmittel der Hauptbestandteil jeder Zahnpasta ist, wäre es völlig unmöglich, gleichzeitig elementares Fluor in der Tube aufzubewahren und zu erhalten. Erst wenn Colgate-Palmolive und Co. ihre Zahnhygiene-Produkte in Edelstahl-Druckbehältern mit Mundstück ausliefern, muss man sich Gedanken darüber machen, ob da vielleicht Fluor enthalten sein könnte.

Auch Flusssäure ist kein Bestandteil handelsüblicher Zahnpasta. Der Angriff auf den Zahnschmelz wäre das geringste Problem, mit dem man gesundheitlich zu kämpfen hätte, wenn man sich mit einer nennenswerten Konzentration Flusssäure die Zähne putzen würde.

Was die meisten Zahnpasten tatsächlich enthalten, sind die Salze des Fluors, wie etwa Natriummonofluorphosphat. Man nennt diese Salze Fluoride und sie sind in hoher Konzentration zwar giftig aber ganz sicher nicht ätzend wie die Flusssäure oder extrem reaktiv wie das elementare Fluor.

Der Stand der Erkenntnisse

Verfechter von Verschwörungstheorien haben eine bemerkenswert einfache Lösung, Expertenaussagen zu widerlegen, die ihre Theorien gefährden: Die entsprechenden Experten sind Teil der Verschwörung und geben deshalb absichtlich die Unwahrheit von sich. Das ist selbstverständlich auch die einzig mögliche Schlussfolgerung, wenn die Theorie selbst quasi als Axiom in den logischen Zusammenhängen per Definition unerschütterlich ist. Das hat etwas von Religion, auch wenn Ken Davis ein ausgesprochener Gegner religiöser Bewegungen ist.

So verwundert es nicht, dass in dem Beitrag behauptet wird, es gäbe keinen medizinischen Nachweis für die kariesprophylaktische Wirkung von Fluor(iden). Tatsächlich wurde der statistische Nachweis bereits 1960 nach einer Langzeitstudie in der US-Stadt Grand Rapids erbracht: Die Kariesrate von 30.000 Schulkindern sank durch die kontrollierte Fluoridierung des Trinkwassers über einen Zeitraum von 15 Jahren um 60%. Die Studie basierte ironischer Weise auf der Entdeckung einer (zumindest kosmetisch) nachteiligen Wirkung hoher Dosen Fluorid im Trinkwasser. Diese und andere schädliche Effekte der Überdosierung von Fluorid und die kontroverse Zwangsmedikation über das Trinkwasser haben dazu geführt, dass Fluoride inzwischen zu den am besten erforschten Präparaten in der Medizin gehören. Allein die Empfehlung der amerikanischen CDC zum Umgang mit der Fluoridierung listet 270 wissenschaftliche Abhandlungen und Feldstudien als Referenz. Regierungsorgane und wissenschaftliche Verbände legen regelmäßig Rechenschaft über den Stand der Forschung ab, aber die stecken natürlich alle unter einer Decke.

Die schwierige Frage der Profiteure

Die von Ken Davis postulierten Verschwörungen leiden meist unter einer unschönen Schwäche: Die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ steht oft auf sehr wackeligen Füssen. Als Kubrick-Fan hatte ich erstmals durch den Klassiker „Dr. Strangelove“ Kontakt mit der Fluorid-Verschwörungstheorie. Damals waren es die Kommunisten, die versuchten, das amerikanische Volk durch Fluoridierung des Trinkwassers schwach und willenlos zu machen. Das hatte noch Biss. Heute ist das Feindbild der westlichen Welt der Terrorismus und ein Bekennervideo, nach Jahrzehnten subversiver Tätigkeit, in der eine Statistik zu Knochenerkrankungen vor die Kamera gehalten wird, ist einfach nicht der Stil von al-Qaida & Co.

Bei Ken Davis ist es – wie sehr oft – die Gier nach Geld, die Ärzte, Zahnärzte und Pharmaindustrie zu einer Geheimoperation unvorstellbaren Ausmaßes motiviert. Schon die populäre Theorie von der inszenierten Mondlandung litt unter dem Problem, dass sie eine sagenhafte Verschwiegenheit unter tausenden involvierter Menschen unterstellte, die alle die Wahrheit hätten kennen müssen. Die mächtigsten Geheimdienste der Welt schaffen es nicht, einen einzelnen Whistleblower mundtot zu kriegen oder die Presse davon abzuhalten, seine Geheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen, aber die Machenschaften des Geheimbunds der Fluorid-Lügner kommen nicht ans Tageslicht, obwohl sie Millionen von Mitwissern haben müssen. Nur eine Handvoll Außenseiter, wie Ken Davis, berichten über die Wahrheit hinter der Fassade.

Auch hier zieht er selbstverständlich den Joker: Die Presse ist auch mit von der Partie. Es stellt sich die Frage, wie viel Geld man tatsächlich mit Krankheiten verdienen kann, die nach Ken Davis‚ eigener Aussage schwer überhaupt zu diagnostizieren und mit dem Fluorid in Verbindung zu bringen sind. Wer hat da heimliche Studien durchgeführt, um zu dem Schluss zu kommen, dass sich das ganze unter dem Strich lohnt? Es kann ja nicht billig sein, den Großteil der Weltpresse permanent zu schmieren, damit einem niemand auf die Schliche kommt.

Und dann ist da noch der überwiegende Teil der restlichen Industrie, die davon nicht profitiert, sondern durch Krankenstände hohe Verluste erleidet. Ist da noch keiner von den Zahnärzten auf die Idee gekommen, denen mal die Karten auf den Tisch zu legen und dabei richtig abzusahnen? Und was ist mit den Banken, die den ganzen Kram finanzieren und die die am nächsten liegenden Drahtzieher für solche Inszenierungen wären? Für die würde sich das sicher nicht rechnen, in einem Bereich ihrer Investments durch Fluoridvergiftungen ein paar Prozent mehr zu verdienen, um gleichzeitig in allen anderen Abstriche machen zu müssen.

Das Gift

Tatsächlich sind Fluoride schädlich, giftig und tödlich – etwa in dieser Reihenfolge, abhängig vom Maß der Überdosierung. Das trifft auf die meisten anderen Spurenelemente auch zu, auf die der Mensch – genauso wie auf das Fluorid – in geringen Mengen trotzdem angewiesen ist, um gesund zu bleiben. Leider sind unsere Körper keine so einfachen Maschinen, dass man sich von bestimmten Stoffen komplett fernhalten, andere aber in Übermaßen konsumieren und am Ende 100 Jahre alt werden kann. Wäre das so, hätte die Industrie längst die perfekten Nahrungsmittelergänzungs- oder -ersatztabletten geliefert. Stattdessen müssen wir uns mit dem Problem einer „ausgewogenen Ernährung“ herumquälen.

Um sich eine akut tödliche Dosis Natriumfluorid zu verabreichen kann man wahlweise etwa 50 Tuben stark fluoridierte Zahnpasta oder 20kg fluoridiertes Speisesalz verdrücken. Beides wird unabsichtlich eher selten passieren und beim Speisesalz hat man sich schon nach der Hälfte der ersten Packung tödlich vergiftet – völlig unabhängig davon, ob Fluoride zugesetzt waren.

Kochsalz ist überhaupt einen Vergleich wert: Spätestens seit den 70er-Jahren weiß man, dass zu hoher Salzkonsum Bluthochdruck fördert und damit eine der Ursachen des am weitesten verbreiteten Krankheitsbildes in den Industrieländern ist. Jeder weiß, dass Bluthochdruck bei chronischem Verlauf eine ganze Reihe von Folgeerkrankungen nach sich zieht, die in vielen Fällen tödlich verlaufen (Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, etc.). Eine Überdosierung über einen langen Zeitraum kann beim Speisesalz sehr leicht unabsichtlich passieren. Die Zusammenhänge sind hier relativ klar und gut erforscht und es handelt sich bei den Erkrankungen nicht um äußerst seltene Fälle, wie sie von der Überdosierung durch Fluoride bekannt sind, sondern um die top Volkskrankheiten.

Für Ken Davis‘ Theorie zu den Drahtziehern der Fluorid-Bedrohung ergibt sich daraus ein Dilemma: Die gleichen Ärzte, die danach aus reiner Geldgier darauf aus sind, uns alle krank zu machen, warnen uns auf der anderen Seite vor den Risiken zu hohen Salzkonsums. Bluthochdruck beschert diesen Ärzten Millionen von Patienten, aber dennoch klären sie uns darüber auf, wie wir ihm vorbeugen können. Die Fluoride versuchen sie uns dagegen heimlich unter zu schieben, obwohl hier eine langjährige Überdosierung sehr schwierig zu erreichen ist, und die Folgeerkrankungen nur aus wenigen Einzelfällen bekannt sind. Sehr ineffizient oder gar inkonsequent, würde ich sagen.

Nebensächliches

Vermutlich in dem Versuch, verblüffend einfache Beweise zu erbringen, greift Ken Davis gerne zu naiven Analogien. Diesmal verweist er auf das Tierreich und greift damit völlig daneben: Er behauptet, Tiere würden sich auch nicht die Zähne putzen und hätten ganz selten Probleme mit den Zähnen. Offensichtlich hatte er noch nie ein Haustier. Die meisten, die Hunde oder Katzen im Alter von 10 oder mehr Jahren hatten, werden wissen, dass diese – abhängig von der Ernährung und Pflege – tatsächlich große Probleme mit Zahnstein und Karies bekommen können. Unsere Zähne sollen aber möglichst 60 Jahre und länger halten. In der freien Natur sieht man selbstverständlich sehr selten den sprichwörtlichen zahnlosen Tiger, da dieser recht schnell verhungern würde. Schlechte Zähne führen im Tierreich außerdem – genau wie beim Menschen – zu den verschiedensten Folgeerkrankungen, da die Nahrung im Mund nicht mehr ordentlich zerkleinert und vorverdaut wird. Einige Primaten betreiben übrigens durchaus rudimentäre Zahnpflege.

Einen Skandal sieht NTA offenbar auch in der Vermutung (ein Beleg fehlt, wie so oft, schmerzlich), dass die Fluoride in der Zahnpasta nicht natürlichen Ursprungs seien, sondern aus Chemieabfällen stammten. So lange es sich aber um die reinen wirksamen Verbindungen handelt, ist es völlig egal, woher diese stammen. Unsere gesamte Nahrung ist, je nach Perspektive, biochemischer Abfall, der auf irgendeine Art recycelt wurde. In der Chemie besteht kein Unterschied zwischen dem Natriumfluorid, das man (wie auch immer) aus Abfällen gewinnt, und solchem, welches man speziell für die entsprechenden Zwecke herstellt. An Bäumen wächst es ohnehin nicht und kann auch nicht im Bergwerk abgebaut werden. Ken Davis versucht hier vermutlich der Chemieindustrie auch einen auf den Deckel zu geben, indem er unterstellt, sie würden ein Geschäft aus dieser Art der Abfallentsorgung machen, aber das ist mir dann wirklich zu albern. Die Mengen sind viel zu gering und die Extraktion zu aufwendig, als dass das gegenüber der ordnungsgemäßen Entsorgung einen finanziellen Vorteil bedeuten könnte.

Was bleibt?

Es ist immer richtig, den Produkten, die uns von der Industrie angeboten und deren Eigenschaften in der Werbung angepriesen werden, skeptisch gegenüber zu stehen. Ganz sicher sind Zahncremes und fluoridiertes Salz ein riesiges Geschäft. Wie bei der gesunden Ernährung, tut man gut daran, sich ausgiebig über das zu Informieren, was man seinem Körper oder vor allem dem (empfindlicheren) Körper seines Kindes antut. Einer der schlechtesten Wege ist aber, auf Facebook oder mit einer Internet-Suchmaschine nach den Antworten zu suchen. Es gibt sicher viele seriöse Quellen zu bestimmten Themen im Internet, aber es benötigt Zeit und Erfahrung, diese für sich zu finden. An NTA sieht man dagegen, welch abenteuerliche und haarsträubende Fehlinformation im Internet verbreitet wird. Das beste ist sicher ein gutes Vertrauensverhältnis zu seinem (Zahn)arzt. Wenn man ohnehin den Eindruck hat, der wäre nicht um die Gesundheit seiner Patienten, sondern nur um seine Einkünfte bemüht, sollte man sich sowieso einen anderen suchen.

Ich jedenfalls muss mir gleich die Zähne putzen – ich habe einen unangenehmen Geschmack im Mund…

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4 Kommentare

  1. Auch die bösen Mainstream Medien haben sich dem Thema angenommen! Wohl aber nicht im Sinne von NTA… *hihi

    Dazu der aktuelle Buchtipp: Udo Uff ähh ach neee der nicht!! Aber die „Spiegel“ Autoren haben sich auch damit beschäftigt:

    „Das Glühbirnenkomplott“
    Eine heiter-gruselige Lektüre, immer verbunden mit der beklemmenden Frage: Und wenn es jetzt doch wahr wäre?

    http://www.kiwi-verlag.de/buch/das-gluehbirnenkomplott/978-3-462-04701-1/

    (ich hoffe dat is ok)

    btw ich verlinken Deinen Blog mal gen „Sonnenstaatland“ – dann hast Du bald mehr LeserInnen als NTA 🙂

    1. Die bösen Mainstream-Medien berichten ja immer das genaue Gegenteil von dem, was er schreibt (eigentlich ist’s natürlich umgekehrt). Wenn sie, wie bei der Fluorid-Geschichte, dann sogar direkt auf sein Geschreibsel verweisen, ist das der Beweis, dass sie Lügen verbreiten. Das Wahrheits-Monopol von NTA ist das Dogma, um das sich bei ihm jede Argumentation dreht. Im Prinzip ist er nur ein fürchterlicher, in der Realwelt gescheiterter Besserwisser, glaube ich :).

      Danke für die Verlinkung. Im Forum des Sonnenstaatlands lese ich inzwischen auch sehr gerne. Von der ganzen Reichsdeppen-Szene hatte ich vorher nur wenig gehört, bis auch Ken Davis einer wurde. Ich war echt überrascht, wie engagiert da so mancher im Sonnenstaatland recherchiert und postet. „Normal“ ist das auch nicht, oder? 😉

  2. Verwirrung um Fluor oder Fluorid

    Herzlichen Dank für diesen Lacher, ich habe so lange gelacht, dass ich erstmal 5 Minuten Pause vom PC brauchte, bevor ich weiterlesen konnte.
    Manchmal bin ich sehr froh, dass ich eine gute Ausbildung im naturwissenschaftlichen Bereich gemacht habe und auf solchen Mist nicht reinfalle.

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