Abseits der Harmlosigkeit

Ebola ist mit einem sehr schmerzhaften Verlauf und geringer Aussicht auf Genesung eine Schrecken erregende Krankheit. Jeder, der das Risiko einer Infektion in Kauf nimmt, um betroffenen Menschen zu helfen, verdient unseren tiefsten Respekt. Genau diesen Menschen zu unterstellen, sie wären Mitwisser und Handlanger einer Verschwörung mit rein finanziellen Interessen und keiner Achtung vor dem menschlichen Leben, ist eine bodenlose Geschmacklosigkeit. Ich tue mich schwer dabei, eine eventuelle, pathologisch bedingte Unzurechnungsfähigkeit hier als Entschuldigung für so eine Behauptung gelten zu lassen.

Dementsprechend ist der Ebola-Artikel von Ken Davis eigentlich kein geeignetes Thema für dieses Blog, das ich zum Zweck meines eigenen Amüsements über die lustigeren Aspekte seiner Spinnereien begonnen hatte. Ich hätte diesen Artikel vermutlich auch angesichts des Titels in der Ahnung des Schlimmsten einfach übersprungen (ähnlich hatte ich auf das Wort „Nazitheorie“ in der Überschrift eines anderen Artikels reagiert, um später festzustellen, dass in diesem Fall tatsächlich nur ein harmloser Selbstverteidigungsversuch im Text steckte), wenn mir nicht genau diese Idee der Leugnung der Existenz des Ebola-Virus am Ende meines letzten Eintrags selbst durch den Kopf gegangen wäre. Ich hatte das für eine wahnwitzige Idee gehalten, deren Umsetzung ich nicht einmal Ken Davis zutraute. Ich war völlig überrascht von dem tatsächlichen, zeitgleichen Erscheinen des genannten Artikels und schockiert von der leichtfertigen Art, mit der er seine völlig hirnverbrannten Theorien darlegt.

Deswegen habe ich mich entschieden, hier ausnahmsweise aus der Betroffenheit heraus eine ernsthafte Betrachtung des Inhalts zu versuchen, auch wenn die Gesamtaussage bereits grotesk genug ist:

Der Artikel bezieht sich auf eine deutsche Übersetzung eines Textes, der unter dem Namen Nana Kwame verfasst und über eine einschlägige Internet-Seite Verbreitung fand (dazu später mehr). Diskussionen um das Dokument scheinen sich vielfach um die Identität des Autors zu drehen, was mir persönlich aber keinen Unterschied zu machen scheint. Ein Spinner ist ein Spinner – auch wenn er eine Spinnerei nur glaubt und weiter verbreitet.

Boilerplate

Nach einem einführenden Zitat beginnt Ken Davis mit einem Textbaustein, den er vielleicht auf einer Funktionstaste abgelegt oder für’s Copy & Paste immer parat hat. Das Ebola-Virus wurde erfunden, um Ängste zu schüren, die von einer Liste von tatsächlichen Bedrohungen ablenken sollen. Ich nenne das mal eine LEGO-Argumentation, denn sie lässt sich völlig nach Belieben umbauen. Man kann das Ebola-Virus darin zur tatsächlichen Bedrohung machen und die Angst vor der Atomkraft zum Ablenkungsmanöver. Jede mögliche Gefahr lässt sich willkürlich zu einem irrealen Produkt einer Verschwörung erklären und jede erdenkliche und annähernd plausibel zu konstruierende, beängstigende Situation zu einer tatsächlichen Bedrohung. Ken Davis tut hier das übliche: Er behauptet einfach und sieht sich nicht in der Verantwortung, einen einzigen Beleg zu liefern.

Darauf folgt die Kern-Hypothese:

“Ebola” als Virus existiert nicht und wird nicht “verbreitet”! Das Rote Kreuz hat aus anderen Gründen eine Krankheit in 4 spezifische Länder gebracht, und “es stecken sich nur diejenigen an”, die Behandlungen und Injektionen vom Roten Kreuz erhalten.

Die Hintergründe

Die Erläuterung der Hintergründe für die Kampagne zum Massenmord per krank machender Injektion besteht bei Ken Davis wie üblich aus einer Serie von Behauptungen, von denen jede über etwas Sachwissen oder den gesunden Menschenverstand zu widerlegen ist.

Behauptung: „Sierra Leone ist der weltweit größte Anbieter von Diamanten.“

Tatsächlich findet sich Sierra Leone nicht einmal unter den wichtigsten 15 Diamantenexporteuren weltweit. Die Menge der geförderten Rohdiamanten in Botswana überstieg in 2009 die Fördermeng in Sierra Leone z.B. um das hundertfache.

Behauptung: Die Krankheit dient als Vorwand für die Entsendung von Truppen, die die Streiks in den Diamantenminen brechen sollen.

Allein der Sold der 3000 entsandten Soldaten übersteigt den Wert der jährlich in Sierra Leone geförderten Diamanten. Die weltweiten Kosten der Ebola-Bekämpfung betragen ein vielfaches dessen und der volkswirtschaftliche Schaden wird noch höher ausfallen. Selbst wenn es einen Mechanismus gäbe, den kompletten Ertrag aus der Diamantenförderung in die Taschen dieser unterstellten westlichen Verschwörung zu kanalisieren, wäre es ein desaströses Verlustgeschäft.

Behauptung: Die Truppen sollen den „Diebstahl“ des nigerianischen Öls organisieren.

Nigeria war mit insgesamt 20 Fällen nicht sehr stark von der Epidemie betroffen. Inzwischen hat die WHO das Land als ebolafrei erklärt, nachdem in den vergangenen 6 Wochen kein neuer Fall bekannt wurde. Die US-Truppen, die angeblich zum Diebstahl des Öls entsandt wurden, sind allerdings erst vor drei Wochen eingetroffen, und zwar im 2.000km entfernten Liberia, wo sie auch stationiert sein werden. Jetzt sollen diese Truppen nach Ken Davis‚ Vorstellung gegen den Widerstand der nigerianischen Armee (der Öl-Export ist für 80% der Staatseinkünfte Nigerias verantwortlich) dort die Ölquellen besetzen und das vermutlich unter dem Deckmantel der Ebola-Epidemie vom Rest der Welt unbemerkt.

Behauptung: Die Truppen sollen die Zwangsinfektion mit Ebola unterstützen.

Das macht diese Soldaten also zu Mitwissern, ebenso wie das gesamte medizinische Personal aus Ärzten und Pflegern, die zum großen Teil Einheimische sind und nicht zuvor über ihre Einstellung zu diesem Komplott befragt werden konnten. Es werden Kinder infiziert, ohne dass deren Eltern Verdacht schöpfen. Teilweise wird offenbar auch den Helfern (Mitwissern) die Krankheit injiziert und manche von ihnen entrinnen dem Tod knapp um anschließend bereitwillig weiter am Massenmord teilzunehmen. Die Drahtzieher des Komplotts sind inzwischen sogar so selbstbewusst, dass sie in vielen Ländern nach freiwilligen Helfern suchen.

Behauptung: Die Angst vor Ebola soll die Bevölkerung zur freiwilligen „Impfung“ mit dem Erreger bewegen.

Außerhalb der betroffenen Gebiete ist die offizielle Information, dass es keinen Impfstoff gegen Ebola gibt. In den Krisengebieten wird dann allerdings nach dieser Theorie zur freiwilligen Impfung aufgerufen. In Zeiten des Internet fällt niemandem auf der Welt diese Gegensätzlichkeit der Informationen auf. Nur eine einzige Person berichtet – ausgerechnet über eine Facebook-Statusmeldung – darüber.

Behauptung: Das Ausbleiben eines Flugverbots ist der Beweis, dass Ebola nicht ansteckend ist.

Tatsächlich gibt es inzwischen mehrere Fälle, in denen sich Menschen in den Ankunftsländern bei Einreisenden angesteckt haben. Vermutlich handelt es sich dabei nach Ken Davis‚ Meinung um inszenierte Fälle. Die wirkliche Begründung dafür, bisher kein Flugverbot zu verhängen, ist jedoch sehr einleuchtend: Es bietet keinen effizienten Schutz und verkompliziert die Erkennung von Risikofaktoren. Man kann die betroffenen Staaten schon aus reinen Gründen der Praktikabilität nicht komplett unter Quarantäne stellen und so würde ein Flugverbot nur bedeuten, dass die Reisenden auf Flughäfen der Nachbarstaaten ausweichen würden. Das würde nicht nur zu einer zusätzlichen Bedrohung dort führen, sondern auch den Kreis der Personen stark erweitern, die in den Ankunftsstaaten als Risikopassagiere gelten müssten – nämlich um diejenigen, die sich nie in den betroffenen Gebieten aufgehalten haben, aber eben auch einen Flug aus dem Nachbarstaat angetreten hatten.

Die Verschwörung

Wieder einmal basiert Ken Davis‚ Glaube an eine Theorie allein auf der Unterstellung einer Verschwörung unglaublichen Ausmaßes: Weltweit haben sich Regierungen, Militär, Presse, Hilfsorganisationen, UN und WHO zu einem Komplott zusammengeschlossen, um von der restlichen Weltöffentlichkeit unbemerkt, einen wirtschaftlichen Profit zu erbeuten und dabei über Leichen zu gehen. Ebenfalls in bereits bekannter Weise, wird weder ein einziger Nachweis für die Existenz dieser Verschwörung geliefert, noch ein nachvollziehbarer Grund angegeben, welchem Zweck diese dienen soll. Politik, Wirtschaft und Presse stellen in Ken Davis‚ Welt die Achse des Bösen dar und die Glaubhaftigkeit noch so unwahrscheinlicher Machenschaften ergibt sich allein aus dem Fehlen jeglicher Hinweise darauf. Das gibt ihm die Möglichkeit, über „Tatsachen“ zu berichten, über die sonst niemand ein Wort verliert – fast niemand, denn für die Erfindung eigener Spinnereien fehlt es dem Autor offensichtlich an Fantasie.

Die Quelle

Inhaltlich entstammen die Theorien in Ken Davis Beitrag ursprünglich einer Facebook-Notiz von Nana Kwame, der offensichtlich frischer Mitgründer eines Bauunternehmens in Ghana ist. Nun liegt Ghana etwa 1000km von den betroffenen Gebieten entfernt, aber für Menschen, die Afrika als „Land“ bezeichnen, lebt Herr Kwame vermutlich mitten im Krisengebiet und kann über die Vorgänge deshalb als Augenzeuge berichten. Vielleicht ist Ken Davis der Aufenthaltsort von Herrn Kwame aber auch gar nicht bewusst, denn er bezieht sich auf ein Zitat des Originals aus dritter Hand – vermutlich weil er mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß steht. Die deutsche Übersetzung des Texts von Herrn Kwame erschien nach Ken Davis Aussage (einen echten Link gibt es nicht) ebenfalls auf Facebook und während die Originalnotiz nur in bescheidenem Umfang dort „geteilt“ wurde, nennt die Übersetzung eine Seite eines selbstbetitelten freien Journalisten als Quelle. Wenig überraschend handelt es sich um eine Seite, die sich ganz ähnlich zu NTA, der Verbreitung von allerlei Verschwörungstheorien verschrieben hat. Dort wurde die Kwame-Geschichte inzwischen weiter gesponnen und so weiß man jetzt offenbar, dass es sich um einen genetisch manipulierten Organismus (ein weit verbreiteter Lapsus, denn ein Virus ist gar kein Organismus) handelt, dieser aktuell mit der Vogelgrippe kombiniert wird, um den Großteil der amerikanischen Bevölkerung per Impfung zu eliminieren, die Drahtzieher teilweise ihre Hautfarbe beliebig wechseln können und sich gegenseitig über die Farbe ihrer Kleidung zu erkennen geben. Außerdem wurde noch das Trinkwasser in den Ebola-Gebieten mit Formaldehyd vergiftet, um die dortige Bevölkerung leichter für die Zwecke des Komplotts ausbeuten zu können… Am besten beginnt man die Lektüre von Ken Davis Quelle auf deren Startseite.

 

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