Ken Davis und der Super-GAU

In den meisten Fällen gleichen die Veröffentlichungen auf NTA einem Trümmerfeld nach einem Flugzeugabsturz. Man stolpert in dem wortreichen Durcheinander wirrer Theorien über so viel Erschütterndes, dass die Frage, an welchem Punkt der Pilot die Kontrolle verloren hat, angesichts des allgemeinen Entsetzens in den Hintergrund rückt. Oft genug ist am Ende noch nicht einmal mehr klar, wohin Ken Davis unterwegs war. Nur ganz selten erscheinen auf dem Blog so kurze Beiträge wie am 10. November, bei denen man deutlich erkennen kann, wie es zu dem Unfall kam. In diesem Fall überführt sich Ken Davis selbst der Nichtbefolgung seines eigenen Appells.

Der Artikel beginnt mit dem Wahlspruch der Aufklärung (nach Kant), dessen grafische Präsentation sich ästhetisch zwischen dem Warnhinweis auf Tabakprodukten und einem Ortsschild einordnet. Um Missverständnissen vorzubeugen, wird das Wort, auf dem die Betonung liegen soll, typografisch hervorgehoben. Darauf folgt ein provokatives Foto, das irgendwo im Netz geklaut wurde. Der erste Absatz ist fettgedruckt und gibt Ken Davis‚ Definition der mehrheitlichen Geisteshaltung seiner zutiefst verabscheuten Mitbürgerschaft wieder. Der Versuch, seiner Überlegenheit bezüglich dieser uninspirierten Lebenseinstellung in der Gestaltung des Satzes Ausdruck zu verleihen, geht gründlich in die Hose: Er beginnt mit einem Rechtschreibfehler und wirkt mit der gekünstelten (sicher abfällig gemeinten) Phrase „hierzulande lebenden Allgemeinheit“ ungewollt komisch. Das alles ist aber nichts Neues, sondern so oder so ähnlich in fast jedem Artikel von Ken Davis zu finden.

Die Botschaft

Inhaltlich befasst sich der Beitrag mit dem erfolgreichen Widerspruch gegen die Zahlung des Rundfunkbeitrags und liefert als Beweis das Foto eines Schreibens des Norddeutschen Rundfunks an einen Herrn Höcker. Ken Davis beglückwünscht den Vorstoß, erteilt einen Rat zur weiteren Vorgehensweise nach diesem Erfolg, erläutert den Lesern die Gründe für die (uneingeschränkt auf jeden anwendbare) Rechtmäßigkeit eines solchen Widerspruchs und bietet anschließend seine direkte Unterstützung beim Streit mit dem Beitragsservice der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an.

Die Quelle

Sucht man mit der deutschen Version von Google nach dem Empfänger des abgebildeten Schreibens, Bernd Höcker, führt einen gleich der erste Treffer auf dessen Seite „GEZ abschaffen“. Dort findet man dann auch recht schnell den Blog, dem das verwendete Foto entstammt, sowie eine Erläuterung der Hintergründe aus erster Hand. Ich habe inklusive der Suchanfrage weniger als eine Minute gebraucht, um zu erfahren, dass Bernd Höcker sich bisher keineswegs erfolgreich von der Beitragspflicht befreit hat. Aktuell streitet er sich mit dem NDR vor einer Kammer des Verwaltungsgerichts Hamburg – Ausgang offen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Gläubiger auf seine bisherigen Forderungen verzichtet und wenn es für Herrn Höcker schlecht läuft, kommen noch die Verfahrenskosten hinzu.

Die Katastrophe

Für gewöhnlich ist Ken Davis‚ Immunität gegen etwaige Widerlegungen seiner Behauptungen durch die Kombination aus dem selbst verliehenen Prädikat der Unfehlbarkeit und der Unterstellung beliebig weitreichender Verschwörungen gewährleistet. Jede Information, die Grundlage für ein Gegenargument sein könnte, stammt automatisch aus einer unseriösen Quelle. Das klappt hier leider nicht, denn die Gegendarstellung zu Ken Davis‚ Artikel stammt aus der gleichen Quelle, wie das abgebildete Beweisstück. Man könnte Bernd Höcker dabei wohl auch kaum vorwerfen, dass er mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter einer Decke stecken würde.

Der Artikel zum erfolgreichen Widerstand gegen den Rundfunkbeitrag auf NTA ist also eine glatte Falschmeldung. Wie ist das passiert?

Der Blog von Bernd Höcker wurde zuletzt (nach längerer Pause) am 9. November aktualisiert und einen Tag später erscheint Ken Davis‚ journalistische Bruchlandung auf NTA. Wer bezüglich der Funktionsweise des Internets nicht gerade die letzten fünf Jahre verschlafen hat, erkennt sofort, wo der Zusammenhang liegt: Durch die Aktualisierung des Blogs wurde die Verbreitungsmaschinerie sozialer Netzwerke angestoßen. Ob die „Neuigkeit“ Ken Davis über Facebook, Twitter, einen verfolgten Blog oder einfach per Mail erreicht hat, ist letztlich nicht mehr zu entscheiden aber auch nicht von Belang. Das pikante an dem Vorgang ist, dass er nicht den kleinsten Gedanken daran verschwendet hat, den Sachverhalt zu recherchieren oder auch nur die Quelle für eine Minute zu prüfen.

Die Konsequenz

Damit wird nicht nur aus dem reißerischen Zitat Kants am Beginn des Artikels unfreiwillige Satire, sondern auch die zu transportierende Botschaft in eigener Sache verliert ihre Glaubwürdigkeit. Für Ken Davis ist nämlich entscheidend, dass der Rundfunkbeitrag der Finanzierung des Fernsehens dient, welches wiederum allein als Mittel zur Volksverdummung und Desinformation eingesetzt wird. Der von ihm gern angeführte „denkende Mensch“ würde sich aus seriösen Quellen im Internet informieren, für die NTA selbstverständlich ein Paradebeispiel sei.

Auch wenn hier inhaltlich nichts von Interesse im Artikel von Ken Davis zu finden ist, finde ich diese Art der Selbstdemontage noch amüsanter, als die üblichen Exponate seines fortschreitenden Realitätsverlusts. Vielen Dank und weiter so, Herr Davis!

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